Oda TV, Yalcin Kücük und die Pressefreiheit

(„Ergenekon“ Verdächtiger Yalcin Kücük war oft und gerne auf Oda TV)

 

Ich liebe die Pressefreiheit, doch ich hasse journalistische Wasserträger der Realpolitik. Und nein, ich rede (im Augenblick) nicht von Tirol (TT und die VP) und auch nicht von Österreich im allgemeinen. Die beiden festgenommenen türkischen Journalisten Sener und Sik wurden heute vom Chefankläger des „Ergenekon“ Prozesses Öz verhört und mittlerweile ist das komplette (angeblich) Befragungsprotokoll in den türkischen Medien aufgetaucht. Nach längerer Lektüre und den ersten Repliken der großen Zeitungen kann man sagen, dass die Stirnfalten wohl nicht verschwinden werden.

Man kann anhand des Befragungsprotokolls rekonstruieren, was den beiden Herren konkret vorgeworfen wird und wie wichtig die gesicherten Unterlagen waren, die bei Oda TV (einem nationalistischen Websender) gefunden wurden, denn sie komplettierten offenbar lediglich die Verdachtsmomente gegen die beiden Journalisten. Es gibt Telefonprotokolle, die beweisen, dass sie „Ergenekon“ Größen kennen müssten, was beide im Grunde verneinten. Man fand bei „Ergenekon“ Größe Yalcin Kücük geistiges Eigentum (im Word Format) Seners und auch Siks. Es geht konkret um zwei Werke, deren Arbeitsnamen „Imamin Ordusu“ (das Heer des Imams) und „Halic the yasayan Simonlar (die Befehlsempfänger von Halic) sind und die wohl von Kücük mit Anmerkungen in roter Farbe versehen wurden, die da unter anderem lauten: „Dieses Werk muss unbedingt vor den Wahlen im Juni erscheinen“ und „an dieser Stelle sollten wir Fall x und Fall y unbedingt hinzufügen“.

Wie kommt das geistige Eigentum eines Journalisten auf den PC eines Hauptverdächtigen, noch vor Veröffentlichung oder gar Fertigstellung und warum werden Aufträge in roter Farbe hinzugefügt? Diese und ähnliche Fragen wurden den beiden Journalisten stundenlang gestellt. Sie verwiesen quasi durchgehend darauf, dass sie selbst überrascht wären und dass sie zu keinem Zeitpunkt Kontakt zu „Ergenekon“ Größen gehabt hätten. Dennoch sind sie weiterhin in U Haft und wurden heute Nachmittag ins Silivri Gefängnis gebracht, oder wie es das oppositionelle bis nationalistische Lager auch nennt – ins „toplama kampi“ (wortwörtlich: Konzentrationslager).

Wie gesagt, die Stirnfalten und die allgemeine Verwunderung bleiben, doch zumindest wurde klar, warum die beiden Journalisten ins Fadenkreuz der Staatsanwaltschaft gerieten. Und eines sage ich ganz klar: Ich bin für die Pressefreiheit und Redaktionsgeheimnisse, aber ebenso bin ich für die absolute Gleichbehandlung aller Bürger. Wenn es Verdachtsmomente gegen zwei Bürger gibt, die nun einmal Journalisten sind, dann muss man dem nachgehen und gerade im Hinblick auf Tuncay Özkan, einem nationalistischen Journalisten, Autor und mittlerweile Parteichef (der „Neuen Partei), kann ich nicht Journalisten per se in Schutz nehmen.

Es gibt im Grunde zwei Optionen, die eine ist eine bittere, aber wahrscheinliche und die andere ist im Grunde eine Verschwörungstheorie. Entweder die beiden Journalisten haben sich tatsächlich diese Dinge zu Schulden kommen lassen, denn Word Dokumente, Telefonprotokolle und andere Unterlagen sind zumindest starke Indizien oder aber man unterschätzt nach wie vor die Professionalität und Kaltschnäuzigkeit dieser „Ergenekon“ Verschwörung, die ja ohnehin nur ein anderer Name für den „tiefen Staat“ ist, da nun zwei investigativ arbeitende Journalisten (und die sind weltweit eine Mangelware) die nächste Zeit „verhindert“ sein dürften.

Englischsprachige Quelle:

http://bianet.org/english/freedom-of-expression/128374-journalists-ahmet-sik-and-nedim-sener-arrested

http://www.todayszaman.com/news-237600-prosecutor-questions-sener-about-contribution-to-avcis-book.html

Türkisches Befragungsprotokoll:

http://www.radikal.com.tr/Radikal.aspx?aType=RadikalDetayV3&ArticleID=1042144&Date=07.03.2011&CategoryID=77

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